---Was ist eigentlich Heimat? Braucht man sowas heute noch? Wo sind meine Wurzeln und welche Bedeutung haben sie?
Christian, Karin, Doron, Rado, Ismael und Viktor diskutieren über „Heimat Berlin?“.
Mit Fragen von Regina.
Christian: Jeder hat doch seine eigene Heimat in dieser Stadt.
Karin: Meine Heimat ist dort, wo ich wohne, und da wohne ich, weil ich mich da sicher fühle, weil mir die Umgebung gefällt.
Christian: Ich bin bisher nicht so rumgekommen in der Welt, deswegen kann ich mich nicht entscheiden. Ich hatte nicht die Wahl.
Hat man die Wahl sich eine Heimat zu suchen?
Christian: Klar.
Rado: Dort wo du geboren bist, ist deine Heimat: fertig, aus.
Karin: 'N Kumpel von mir wurde im Flugzeug geboren, was soll'n der Schwachsinn?
Was könnte noch dazu gehören außer der Geburt?
Christian: Das Elternhaus?
Karin: Das Krankenhaus.
Christian: Da, wo man aufgewachsen ist. Dort wo meine Eltern sind, fühl ich mich geborgen und dort ist meine natürliche Umgebung, auch wenn es vier Wände sind. Das ist meine Heimat: im Endeffekt.
Karin: Also wenn man jetzt mit seinen Eltern zusammen z.B. in Kreuzberg wohnt und man ist es gewohnt in Kreuzberg zu wohnen und man findet es auch ganz toll: dann ist alles das Heimat, was so ist wie Kreuzberg.
Egal, wo deine Eltern herkommen?
Karin: Ja.
Rado: Die Wurzeln und die Heimat sind ja zwei verschiedene Sachen. Heimat ist das, wonach man sich sehnt, wo man immer hin will. Und wenn ich z.B. nicht soviel Bezug habe zu Jugoslawien, obwohl: ich liebe Jugoslawien, trotzdem muss ich sagen: Berlin ist meine Heimat, eigentlich. Weil ich bin ja hier geboren und hier zur Schule gegangen und sprech' die deutsche Sprache fließend. Und Sicherheit. Ich wär in Jugoslawien unsicherer. Ich bin hier sicherer.
Also Sprache gehört zu Heimat, Wurzeln...
Rado: und Kultur...
Christian: Warum soll ich mich denn in Neustrehlitz, wo auch deutsch gesprochen wird, heimisch fühlen?
Sprache, Wurzeln, Kultur und: wo bin ich groß geworden: auf dem Land oder in der Stadt? Und in welchem Stadtteil? Wo ist Eure Heimat?
Viktor: Ohne Heimat. Ich hatte auch nie eine.
Karin: Du hast dir doch diese Postkarte mit dem Wald ausgesucht. D.h. doch, dass überall, wo viele Wälder sind, von der Landschaft her, dass er sich dort heimisch fühlen würde.
Viktor: Ja, da bin ich aufgewachsen.
Rado: Wieso bist du der Ansicht, dass du keine Heimat hast?
Viktor: Weil ich … da hatte ich ja keine Heimat, außer dem, dass ich da geboren bin und aufgewachsen bin, aber mich trotzdem gar nicht wohlgefühlt habe. Und hier bin ich hergekommen, naja, auch nichts.
Christian: Wo fühlst du dich denn gut?
Viktor: Zuhause.
Christian: Wo ist Zuhause?
Rado: Man muss ja auch sehen, dass er bestimmt auch ein hartes Leben hatte.
Viktor: Ja. Es war nicht leicht.
Hat Heimat etwas mit guten Gefühlen zu tun?
Rado: Eben nicht. Heimat ist das, wo du wirklich eigentlich geboren wurdest, groß geworden bist, isst, trinkst, schläfst. Wo deine Familie lebt, deine Sprache, die du sprichst: das ist Heimat.
Christian: Gut, aber kann man Heimat nicht ändern?
Rado: Ich denke, man kann entscheiden, nicht nur eine Heimat zu haben. Man kann auch drei, vier Heimaten haben. Interkulturell...
Christian: Sagen wir es mal so: man kann überall heimisch werden.
Rado: Heimat ist auch immer Erinnerung an etwas. Wenn man zurück denken kann und sagt: eh, hier bin ich mal die Straße lang gelaufen oder hier auf diesem Spielplatz hab' ich mal gespielt oder hier hab' ich mal 'nen Apfel geklaut...
Das heißt, du verbindest es mit Kindheit.
Alle: Genau.
Karin: Ich denke, dass Heimat der Ort ist, wo man die wichtigen Dinge des Lebens gelernt hat wie Sprechen z.B. oder Laufen. Wo man die Kindheit verbracht hat. Und wenn man als Kind viel umgezogen ist wegen der Eltern, dann hat man entweder mehrere oder gar keine Heimat. Das muss dann aber jeder für sich selbst wissen..
Christian: ... ich weiß nicht. Vielleicht sehnt man sich ja auch nach etwas, was man vielleicht mal ganz kurze Zeit hatte. Nicht unbedingt die Heimat: sondern nach etwas. Und da fühlt man sich dann heimisch, das kann doch auch sein.